„Raus aus der Opferrolle! – Rein in Next Level Farming"

Es vergeht kein Tag, an dem die Landwirte nicht im Fadenkreuz der Kritik stehen. Was sie auch tun, die Gesellschaft scheint ein anderes Bild im Kopf zu haben. „Massentierhalter, Boden- und Grundwasservergifter, MRSA-Keimverbreiter“ – Elke Pelz-Thaller, die Hauptreferentin der Jahrestagung der Jungen DLG konfrontiert die Teilnehmer direkt mit diesen Vorwürfen. Und diese reagieren mit humoriger Opposition bis hin zur Resignation. Was sollen sie auch anderes machen? 

Pelz-Thaller ist eine Mischung aus engagierter Landwirtin, Motivatorin, Seelentrösterin und zugleich Aufrüttlerin. Sie fordert: „Wie jeder Konzern müssen wir uns endlich darüber im Klaren sein: Wo stehen wir?“ Und wenn wir zu dem Schluss kämen, es haue nicht so ganz hin mit der Wertschätzung und auch der Wertschöpfung, dann sollten wir manches verändern. Denn sonst verändere es uns. 
 
Genau hier setzt die Aufrüttelkampagne an. Die Landwirte müssten lernen, Verantwortung zu übernehmen. Es genüge nicht, brav zu produzieren und über die bösen Verbraucher, die Politik, den Bauernverband und die Probleme, in denen die Landwirtschaft stecke, zu jammern. Sie müssten aus ihrer Opferrolle herausfinden, „denn die macht machtlos und handlungsunfähig.“ 

Pelz-Thaller erzählt von einem Erlebnis auf der Weltausstellung EXPO 2015 in Mailand, die sich unter dem Slogan „Feeding the Planet, Energy for Life“ um das Thema Ernährung drehte. Dort saß sie auf einem Podium mit der geballten landwirtschaftlichen Kompetenz aus aller Welt. „Da sprach doch tatsächlich ein Landwirt aus Kanada von seinen 50.000 ha Land, die er jahrein, jahraus bewirtschaftet. Und dann komme ich mit unseren 50 ha daher.“ Sie hatte mehr Häme von ihren amerikanischen, chinesischen oder russischen Kollegen dafür erwartet. Doch das war nicht der Fall. Stattdessen kam eine Aussage, die ihr bis heute nicht aus dem Kopf geht: „Die ganze Welt weiß es doch: Wir produzieren Masse, Deutschland produziert die Elite.“ Die ganze Welt weiß es also, aber unser Nachbar weiß es nicht. 

Wir sollten uns nicht selbst »klein machen« wie ein Frosch. Wenn wir endlich beginnen, in Gänze – und wenn es noch so weh tut – diese Komfortzone des Quakens und Lamentierens zu verlassen und vollumfänglich Verantwortung übernehmen, dann stehen wir auf einem grundsoliden Fundament, auf dem man Erfolg aufbauen kann. „Welche Haltung nehmen wir denn ein als Elitelebensmittelhersteller? Wir produzieren Ferrari-Lebensmittel. Machen wir das den Konsumenten doch einmal klar“, so Pelz-Thaller. Ihr Fazit: „Wir brauchen einen sympathischeren, selbstbewussteren, souveräneren Auftritt!“

DLG-Präsident Hubertus Paetow fügte noch einen Aspekt hinzu: Die klassischen, rein ökonomische Zielgrößen wie Produktivität, Ertragssteigerung und Wachstum sind nicht mehr der alleinige Maßstab. Die Erhaltung der gesellschaftlichen „License to Operate“ stelle die nächste Schwierigkeitsstufe in der Landwirtschaft dar. Und die Herausforderung, beides mit der gesamten Palette des Fortschrittes aber auch mit unternehmerischer Kreativität zu verknüpfen ist „Next Level Farming“, das Thema der Veranstaltung.

Dänemark – Betriebe in der Schuldenspirale

Dänische Schweine- und Milchviehhalter bewegen sich in einem Teufelskreis hoher Verbindlichkeiten, fehlendem Eigenkapital und nachlassender Liquidität. Nicht zuletzt sind wegen unüberwindbarer Liquiditätsprobleme die Insolvenzen drastisch angestiegen. „Unsere Landwirtschaft ist pleite. Rund ein Drittel der Betriebe steckt in den ›roten Zahlen‹ oder ist unmittelbar vom Bankrott bedroht“, sagt Sune Hallberg, landwirtschaftlicher Unternehmensberater in Dänemark. Das klingt niederschmetternd. 

Der Verschuldungsgrad in der dänischen Landwirtschaft ist auch deshalb markant gestiegen, weil die Werte weggebrochen sind. Neue Kredite werden nicht genehmigt, das heißt es gibt keine frische Liquidität. Auch der Generationswechsel wird erschwert, was zu einer Überalterung der Betriebsleiter führt. Die Betriebe müssen sich selbst helfen, weil sich auch die Banken in Schieflage befinden.

Hintergrund: Aufgrund des dänischen Erbschaftssteuerrechts können landwirtschaftliche Betriebe nur mit erheblichen Krediten übernommen werden. Sie werden im Normalfall nicht vererbt, sondern an die nachfolgende Generation verkauft. Diese starten also schon mit einer hohen Schuldenlast. Das ehrgeizige Wachstum der Betriebe wurde zunehmend „mit heißer Nadel gestrickt“. Die Situation eskalierte vollends ab dem Jahr 2005, als die Bodenpreise aufgrund der weiter fallenden Kapitalmarktzinsen und überzogener Renditeerwartungen zunächst in astronomische Höhen schnellten. „Das hat für die Betriebe wie eine Droge gewirkt: Sie konnten schnell Wachstumsschritte umsetzen“, sagt Hallberg. 

Und alle haben mitgemacht. Es setzte ein intensiver Wettbewerb der Banken um die Kunden ein, und Eigenkapital wurde kaum mehr gefordert. So entwickelte sich parallel zum Bodenpreis die Schuldenbelastung der Betriebe. Diese Entwicklung kam Mitte 2008 mit der Finanzkrise abrupt ins Stocken. Der Landpreis hat sich seither fast halbiert. Damit hat sich aber auch der Wert der Sicherheiten halbiert, was das dänische Bankensystem ins Wanken brachte. Im Juni 2011 kollabierte die erste regionale Bank. Eine Maßnahme, um dem gegenzusteuern, war: kein Neugeschäft mit Landwirten und Reduzierung des Anteils landwirtschaftlicher Kredite. 

Fazit: Auch bei unseren nördlichen Nachbarn hat ein Umdenken eingesetzt. »Es setzt sich die Erkenntnis durch, dass Landwirtschaft ohne Eigenkapital nicht funktioniert«, sagt Hallberg.

Startups – Sechs Minuten für die eigene Geschäftsidee

Im Ideencontest am Nachmittag konnten junge Unternehmer ihr Startup präsentieren. Modelabel, Milchpreisabsicherung per App, Geschäftsklimaindex für die Landwirtschaft – die Geschäftsmodelle sind denkbar unterschiedlich. Hier finden Sie die interessantesten Konzepte.