Das Hitzejahr und seine Auswirkungen

Die Junge DLG/Team Gießen lud dieser Tage zum bereits vierten Mal zu einer Vortragsveranstaltung mit Diskussionsrunde ein.

Zahlreich erschienene Studenten, Landwirte und andere Interessierte konnten sich bei dem von Sebastian Schneider moderierten Abend ein Bild über die Auswirkungen des Hitzejahres 2018 auf Ackerbau, Tier und Umwelt machen. Bereits die Einführung machte deutlich, dass das diesjährige Wetter außergewöhnliche Ausmaße nach sich zog. In TV-Talk-Shows wurde teils kontrovers über das Thema diskutiert. Besondere Aufmerksamkeit erregte eine Fotoaufnahme von Astronaut Alexander Gerst aus dem Sommer 2018, der im mitteleuropäischen Raum stark vertrocknete Landschaften dokumentierte.

In witterungsabhängigen Branchen wie der Landwirtschaft hatte das Ereignis starken ökonomischen Einfluss. Dass die Folgen für den Landwirt jedoch nicht nur finanzieller Natur sind, verdeutlichte der Gastbeitrag von Phillip Krainbring. Der Blogger und Ackerbauer aus Sachsen-Anhalt stellte die emotionale Belastung für den Landwirt ins Zentrum seiner Videobotschaft.

Für ihn ist es besonders wichtig, ein Bewusstsein der Gesellschaft über die Abhängigkeit vom Wetter zu schaffen. „Das macht den Umgang mit solchen Extremen für einen selbst etwas leichter, wenngleich die Belastung natürlich dennoch hoch ist.“ Er fordert gleichzeitig neue Lösungsansätze.

Doch braucht es solche Ansätze überhaupt oder war das Jahr 2018 nur eine einmalige Wetteranomalie? Bianca Plückhahn, Agrarmeteorologin vom Deutschen Wetterdienst (DWD), hat dazu eine klare Aussage: Extreme Ausschläge der Witterung wird es aller Voraussicht nach öfter geben.

Als Ursache für die extremeren Wetterlagen und länger anhaltenden Großwetterlagen wurde eine Veränderung des sog. „Jet-Streams“ auf der nördlichen Erdhalbkugel identifiziert. Dieser ist eine warme Luftströmung, die sich in Nord-Süd-Wellen in östliche Richtung bewegt. Aus diesem Grund hatte das Hoch des Sommers über Skandinavien eine blockierende Wirkung gegenüber Tiefdruckgebieten aus Richtung des Atlantiks. Das für Mitteleuropa typische wechselhafte Wetter auch im Sommer mit wechselnden Hoch- und Tiefdruckgebieten konnte sich somit nicht einstellen.

Solche Blockaden (übrigens auch im Jahr 2017 mit blockierenden Tiefs) konnten in den letzten 15 Jahren des Öfteren festgestellt werden. Insgesamt sprechen die Daten des DWD eine deutliche Sprache und dokumentieren ein Klima zu deutlich höheren Durchschnittstemperaturen. Kritikern, die einen solchen Wechsel der klimatischen Bedingungen seit der letzten Eiszeit vor 11.000 Jahren als Normalität identifizieren, gab sie stellenweise Recht. Tatsächlich gab es in dieser Zeit sogar wesentlich längere und wärmere Wärmeperioden. Einen derart schnellen und steilen Anstieg der Durchschnittstemperaturen konnte aber seither nie verzeichnet werden.

Wie sehen nun aus praktischer und wissenschaftlicher Sicht mögliche Anpassungsstrategien an diese klimatischen Entwicklungen in der Landwirtschaft aus? Prof. Dr. Sven König von der Universität Gießen, selbst praktizierender Milchviehhalter in Nordhessen, betrachtete die Auswirkungen der heißen Temperaturen auf Milchkühe.

Nach König machen sich extreme Dürre und Hitzeperioden zunächst an der allgemeinen Grundfutterqualität sowie an speziellen Leistungs- und Gesundheitsparametern der Tiere bemerkbar. Bei Überschreitung der Wohlfühltemperatur von 4 bis 16 °C und damit verbundenem Hitzestress der Kühe sinken zum Beispiel die Futteraufnahme, Fruchtbarkeit; die Mortalität bei Nachkommen hitzegestresster Kühe steigt. Gesundheitsparameter wie Nachgeburtsverhalten steigen mit Zunahme des Temperatur-Luftfeuchte-Index an.

Bei mehr als 16 °C gibt die Kuh Körperwärme über Verdunstung durch erhöhte Atmung oder Schwitzen ab. Aus diesem Grund empfiehlt der Referent Kühlmaßnahmen durch Ventilatoren und der Verneblung von Wasser.

Die weltweite Tierzuchtforschung beschäftigt sich aktuell mit der Selektion hitzetoleranter Tiere und verfolgt das Ziel eines festen „Klimamerkmals“ in der Zuchtwertschätzung. Hilfe bei der Suche geeigneter Merkmale sollen unter anderem alte Rassen oder moderne Gentechnikverfahren wie CRISPR/Cas bringen.

Insbesondere von den trockenen Bedingungen geplagt waren offensichtlich Ackerbau- und Grünlandbetriebe in der Mitte und im Norden Deutschlands. Dirk Schulte-Steinberg, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FH Soest und praktischer Ackerbauer, berichtete von seinen Erfahrungen und gab insbesondere den anwesenden Landwirten Anreize mit auf den Weg, wie sie ihren Ackerbau auf extreme Witterung einstellen könnten.

Neben wassersparender Bewirtschaftungsweise plädierte er für eine weitere Fruchtfolge und einen diversifizierten Anbau als Risikovorsorge und den Einbau von mehr Sommerungen in die Fruchtfolge. Seine Strategie: Schlechte Ernten in einigen Kulturen sollen durch gute Ernten in anderen gesamtbetrieblich aufgefangen werden.

Voraussetzung dafür ist jedoch eindeutig, dass überhaupt Wasser für die Pflanze zur Verfügung steht. Ein Ertragsdiagramm der verbreiteten Kulturen in Deutschland machte eindrucksvoll deutlich, dass aufgrund der Trockenheit im Jahr 2018 kaum eine Kultur ihr ertragliches Potenzial ausschöpfen konnte. Die Folge: Ertragseinbußen über alle Kulturen hinweg und entsprechend starke negative betriebswirtschaftliche Auswirkungen auf den Gesamtbetrieb. Insgesamt und im Mittel der Jahre könnten allerdings die benannten Anpassungsstrategien durchaus einen wichtigen Beitrag zu robusterem Ackerbau bieten.

Autoren: Johannes Monath, Laura Schneider; Junge DLG/Team Gießen